Scrum Day 2009: Retrospektiven als Grundlage agilen Projektmanagements...

Bild von kerstin.buecher

Zum Vortrag

  • Referenten: Alexander Maisch, Bernhard Findeiss (Interface AG)
  • Lernen als Schlüssel auf Veränderungen zu reagieren
  • Alle Projektbeteiligten lernen und setzen ihr Wissen für den Projekterfolg ein
  • Inspect-and-adapt: internalisiert in Retrospektive
  • Scrum-Einführung: "Starte mit Retrospektiven und lass das Team seinen Prozess selbst finden"
  • 5 Schritte zur Retrospektive (aus dem Buch Agile Retrospektives): Voraussetzungen schaffen, Daten sammeln, Einsichten generieren, Entscheiden, was zu tun ist, Abschluss der Retrospektive
  • mind. halber Tag; Häufigkeit ist wichtiger als Dauer
  • Fokuszeitraum nicht länger als 4 Wochen, weil sich Teilnehmer sonst nicht erinnern.
  • Werkzeuge: Zeitleiste (1m/Woche) mit Emotional Seismograph, Fischgrättechnick zur Problemlösung, Team-Radar
  • Streitkultur als Chance, einen neuen Blick auf bestehende Probleme zu werfen und ausgetretene Wege zu verlassen
  • Neun Stufen der Konflikteskalation  (vgl. auch im Film "Der Rosenkrieg")
  • Moderation durch den Scrum Master, doch auch er ist Teil des Systems. Scrum Master über sich: "Ich bin ein Impediment"
  • Tipps:
    • Konfliktgespräche bei Spaziergängen führen ("da bewegt man sich mehr - körperlich und im Kopf")
    • positive Karten zuerst, um auch stillere Teilnehmer ins Gespräch einzubringen oder Kummerkasten (zum anonymen Input)
    • Wenn der Streit nicht sofort lösbar ist, dann einen Termin vereinbaren, an dem das Thema wieder aufgegriffen oder weiter bearbeitet wird.
    • "Safe Place": Flipchart als Raum für Themen (Themenspeicher)

Mein Kommentar:

Zum Fokuszeitraum: Wir setzen Retrospektiven (Project Debriefings) nicht nur in Scrum-Projekten ein, sondern auch in "klassischen" Projekten - und zwar nach Meilensteinen oder zum Projektabschluss. Dort werden durchaus längere Zeitabschnitte (bis hin zu mehreren Jahren) überblickt. Hilfsmittel, die Geschehnisse zurück ins Gedächtnis zu rufen, sind u.a.

  • Projekt-Logbuch: Im Projekt wird ein Logbuch geführt, in dem informelle, individuelle wie teambezogene Ereignisse festgehalten werden, z.B. Terminverschiebungen, Produktvorführungen beim Kunden, wichtige Gespräche, Lieferung von Beistellungen etc.
  • Menschlicher Zeitstrahl: Anhand des Projektplans und zusammen mit dem Projektleiter werden Karten mit Ereignissen vorbereitet, die bunt gemischt an die Teilnehmer verteilt werden. Diese haben die Aufgabe, sich in der richtigen Reihenfolge als menschlicher Zeitstrahl aufzustellen. So helfen sich die Teilnehmer bei der Ordnungsabstimmung gegenseitig und auch individuelle Ereignisse finden so wieder ins Bewusstsein.
  • Jeder Teilnehmer bringt seinen Kalender mit.
  • Jeder Teilnehmer bringt ein Erinnerungsstück aus dem Projekt mit, das für ihn besondere Bedeutung hat. Schon dagewesen: Rückspiegel aus einem Testfahrzeug, Build Server, kleiner Galgen, Papierkrone, Gastausweisbeantragungsformular, Pizzakarton, Telefonwarteschleifenmelodie...

Zum Punkt "Positive Karten zuerst": Ich kann bestätigen, dass die Trennung zwischen positiven und negativen Erfahrungen den Einstieg erleichtert. Zunächst kann eine Retrospektive einen gewissen "Weichzeichner-Effekt" haben und schafft so die Grundlage für eine gesunder Auseinandersetzung mit den unangenehmen Erfahrungen. Weitere Methoden:

  • Sicherheitsabfrage (aus "Agile Retrospective")
  • Feedbackalbum (auch "Poesiealbum"): Klappkarte für jeden Mitarbeiter mit Foto des Mitarbeiters erstellen. In die Innenseite "Wir schätzen Dich" drucken lassen. Aufgabe: Jeder Mitarbeiter holt sich im Laufe der Retrospektive von mind. drei Kollegen positives Feedback, das in seine Karte geschrieben wird, und gibt selbst mind. drei Kollegen selbst positives Feedback in deren Feedbackalbum. Das Feedbackalbum kann dann während der übrigen Projektlaufzeit beliebig weiter befüllt werden.
  • Emotional Seismograph (Methode leicht abgewandelt von "Agile Retrospectives"): Einen besonderen Überraschungseffekt und viele lockere Gespräche lösen Sie aus, wenn Sie die Teilnehmer ihre persönliche Fieberkurve auf jeweils eine vorbereitete Overhead-Folie zeichnen lassen und die gesammelten Fieberkurven dann übereinander gelegt präsentieren. Machen Sie anschließend Kaffeepause. So haben alle Zeit, sich den Emotional Seismograph des Teams anzusehen und zu diskutieren.

Zur Dauer: Nach unserer Erfahrung können Scrum-Retrospektiven aufgrund der Routine der Teilnehmer und der Kürze des zu überblickenden Zeitraums innerhalb einer Stunde durchgeführt werden. Bei Meilensteinretrospektiven empfiehlt sich mind. ein halber Tag. Je nachdem, wie wichtig Ihnen Ihr Team ist - Wenn möglich nehmen Sie sich gelegentlich die Zeit für eine ein- bis zweitägige Retrospektive, die Sie an einem besonderen Ort stattfinden lassen und mit einem Teamevent kombinieren. Empfehlenswert (sehr günstig, abenteuerlich, sehr leckeres Essen: Gut Schönhof)

Scrum konzentriert sich auf das Team. Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, eine Retrospektive auch zusammen mit Ihrem Kunden oder Lieferanten durchzuführen? Wir haben damit durchweg gute Erfahrungen gemacht. In diesem Fall ist ein neutraler, externer Moderator zu empfehlen. Wir unterstützen Sie gern.